„Damals vor einer Woche“: gestrandet, quasi obdachlos und doch froh, in Deutschland geblieben zu sein!

An Corona kommt derzeit kaum ein Blogeintrag der Segler, die wir kennen oder deren Blogs wir verfolgen, vorbei.

Segler auf Langfahrt sind mit ihrem eigenen Zuhause unterwegs, befinden sich in Ländern, deren Sprache sie nicht sprechen und in denen die medizinische Versorgung häufig unterentwickelt ist. Das Segelrevier ist oft abhängig vom Wetter im Jahresverlauf. Hinzu kommt, dass Häfen aus finanziellen Gründen oft gemieden werden, um in Ankerbuchten die Hafengebühren zu sparen.
Jede dieser Langfahrer-Crews, die nicht selten mit Kindern unterwegs sind, schreiben gerade Logbücher, die das Potenzial für Drehbücher von Endzeitfilmen haben.

Befreundete Segler haben von folgenden Situationen berichtet:
* Fast alle sind an ihrem Standort festgenagelt. Die gewünschte Freiheit ist futsch!

* Verlässt man einen Hafen/Ankerbucht wird man im nächsten Hafen wahrscheinlich nicht mehr anlegen dürfen. Ein Wechsel der Ankerbucht führte für einen Segler dazu, dass er das Schiff gar nicht mehr verlassen darf. Die Versorgung in der Ankerbucht muss durch einen Supermarkt erfolgen, der ihm Lebensmittel an Bord liefert.

* Ankerbuchten werden bei wechselndem Wetter zu gefährlichen Fallen.

* Eigner, die mit dem Auto auf dem Weg zu ihren Booten waren, hängen im Niemandsland nach den Grenzschließungen fest, weil ihnen ein fester Wohnsitz fehlt, zu dem sie zurück können.

* Karibik Segler dürfen ihre Häfen / Buchten nicht mehr verlassen und andere Reviere ansteuern. Im Juni beginnt aber die Hurrikan Saison! Verlassen sie ihr schwimmendes Zuhause, um sich selbst in Sicherheit zu bringen, droht ihnen der Totalverlust des Schiffes. Und in so einem Fall hilft dann auch keine Versicherung, weil die Karibik in der Hurrikan Saison ganz klar als No-Go-Area deklariert wird.

* Ist die Karibik noch sicher, wenn die ohnehin schon arme Bevölkerung kein Einkommen mehr bezieht und es zu Versorgungsengpässen kommt?

* Schiffe, die vor vielen Tagen (vor den Grenzschließungen), ihre Ozeanüberquerungen begonnen haben, können nicht mehr einklarieren und wissen nicht, wohin sie sollen.

* Partner, die einen Heimaturlaub eingelegt haben, kommen nicht mehr zu ihren Schiffen und Partnern zurück.

* Das günstige Winterlager („Low Season“) kann sich bei längerem Zwangsaufenthalt zum unbezahlbaren Liegeplatz in der teuren Hauptsaison („High Season“) entwickeln

* Es führt zu extremen psychischen Belastungen, wenn man für lange Zeit in einem kleinen Boot eingesperrt ist und nur zum Einkaufen von Bord gehen darf. Gerade bei Crews mit kleinen Kindern bekommt der Ausspruch „wir genießen die gemeinsame Zeit als Familie!“ dann eine ganz andere Bedeutung!

* Segler, die sich eine zeitlich befristete Auszeit nahmen, kommen nicht mehr rechtzeitig in die Heimatreviere und müssen die Schiffe, z.B. auf den Kanaren, zurück lassen. Wie bekommt man sie je zurück?

* Bei einigen brechen die Einnahmen weg. Finanzierungsmodelle und damit die Reisen stehen vor dem Aus.

Jeder schreibt gerade seine eigene Geschichte!

Unsere Geschichte klingt so:
Hatti fing schon sehr früh an, sich über das, was kommen könnte, Gedanken zu machen. Zu einem Zeitpunkt, wo Begriffe wie Hamsterkäufe, Schulschließungen, Ausgangssperre noch weit weg waren, traf er, mit Blick auf China, erste Vorbereitungen… und ging jedem damit ziemlich auf den Geist.

Ein besonders schwerer Brocken war, die Eltern (aufgrund von Alter und Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehörend) für dieses Thema zu sensibilisieren. Noch heute ist die mangelnde Einsicht vieler älterer Menschen nicht zu verstehen! Es sind nicht nur die Jüngeren, die uns mit ihren Coronapartys zur Weißglut bringen. Es sind auch Ältere, die nicht begreifen, für wen sich jetzt gerade alle den A… aufreißen, Jobs verlieren und ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können … nämlich FÜR SIE!

Als die Ereignisse begannen, sich zu überschlagen, lief Hatti mit seinen Endzeitvorbereitungen zur Hochform auf! Jetzt nervte er niemanden mehr! Innerlich feierte er schon ein wenig Geburtstag…:) Obwohl er in dieser Beziehung auch gern unrecht gehabt hätte. Doch trotz allem Gewese hatte er eins vergessen: man mag es nicht glauben, aber bei uns wird langsam das Klopapier knapp!!! Ein vorgeschlagenes Training, wie man unter der Dusche mit einer bestimmten Zehenakrobatik… fand in der ganzen Familie nur wenig Zustimmung! 🙂

Wir bereiteten uns darauf vor, kurzfristig zu BigFoot zu reisen. Alle Sachen lagen bereit, um in´s Auto eingepackt zu werden. Innerhalb von nur wenigen Stunden wurde aber klar, dass nichts mehr klar war. Wir versuchten, Infos von spanischen Einheimischen, Freunden in der Algarve und vom Auswärtigen Amt zu bekommen. Wir standen kurz davor, alles stehen und liegen zu lassen, um abzureisen. Aber wir waren nicht schnell genug. Zack – war alles dicht!

Erste Reaktion: Shit… wir haben den Absprung verpasst!

Heutige Erkenntnis: wir haben Glück gehabt, dass wir geblieben sind! Auch die Portugiesischen Häfen sind für Ausländer gesperrt. Wir könnten mit BigFoot zurzeit also nirgendwo hin fahren. Und dauerhaft die Zeit auf dem Land-Liegeplatz auf der Werft zu verbringen, ist auch nicht besonders verlockend.
Vorgestern sind wir in den Wohnwagen von Hatti´s Eltern gezogen, um die Haushalte zu trennen. Im Haus der Eltern ist die Gästetoilette für uns reserviert.

Die Zeit werden wir uns mit Gartenarbeit vertreiben und wohl endlich anfangen, Portugiesisch zu lernen. Wir kaufen für drei Haushalte ein und gucken mal, ob wir uns ehrenamtlich irgendwo einbringen können.

Es sind spannenden Zeiten für uns alle. Die letzte Woche kam uns unheimlich lang vor und wir können es kaum glauben, dass die Überlegung überstürzt abzureisen, erst vor 8 Tagen in unseren Köpfen geisterte. Dinge, die gestern noch weltfremd waren, sind heute schon Realität und die Verhaltensanweisungen ändern sich fast stündlich.

Wir sind durch die bei uns ständig wechselnden Lebensumstände recht gut trainiert. Das Leben im Wohnwagen schreckt uns nicht ab und wir kommen gut miteinander klar. Auch auf engstem Raum.

Es bleibt zu hoffen, dass am Ende dieser schwierigen Zeit bei uns etwas hängen bleibt und Einstellungen und Gewohnheiten sich ändern. Paare gehen heute auf der Straße spazieren gehen, denen man deutlich ansieht, dass es der erste gemeinsame Spaziergang in ihrer Partnerschaft ist, Eltern spielen endlich mal wieder mit ihren Kindern auf der Wiese Fußball, die Hilfsbereitschaft in den Netzen ist irre und man merkt, dass die befohlene Entschleunigung auch gute Seiten hat!

Bleibt alle schön gesund!!!

5 Gedanken zu „„Damals vor einer Woche“: gestrandet, quasi obdachlos und doch froh, in Deutschland geblieben zu sein!“

  1. Pingback: Murmeltiertage
  2. Moin ihr,

    hoffe, es geht euch gut und ihr bleibt gesund.

    Hatte selber gerade arge Knieprobleme (Meniskus), bin in der siebten Krankheitswoche, aber es geht aufwärts und wird täglich etwas besser.

    Wünsche euch wirklich, dass ihr die Krise gesund übersteht und irgendwann euren tollen Trip fortsetzen könnt.

    LG Berti

  3. Ich bin wirklich sehr froh, dass Ihr in diesen Zeiten hier in Hamburg seid!
    Bleibt gesund & auf dass Ihr die Bigfoot bald wieder in Eure Arme schließen könnt! 😉
    Herzliche Grüße,
    Jessica (schon länger als Hatti nicht mehr bei Randstad 😉

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