Ja, das Wetter war seit Tagen schon schlecht und in die Vorhersagen mischten sich erste Wetterwarnungen ein. Am 27.01. nahmen die Warnungen dann an Dramatik zu.
In der Vorhersage waren 41 Knoten mit Böen von 60 Knoten angesagt. Das entspricht einer max. Windstärke von 120 km/h (12 Beaufort = Orkan).
Allerdings gab es ein seltenes atmosphärisches Phänomen, den sogenannten „Sting Jet“ (siehe HIER), der nicht vorhergesagt werden konnte. Kurz: in einer begrenzten Zone entstehen durch verschiedene Faktoren Fallwinde, deren Geschwindigkeiten sehr viel größer werden können. In unserer Umgebung wurden Windgeschwindigkeiten von 180 km/h gemessen.
Merke: eine Verdoppelung der Windgeschwindigkeit bedeutet eine Vervierfachung des Winddrucks auf einen unbeweglichen Gegenstand!
Platt gesagt, wir hatten eine Windkraft, die doppelt so stark war, wie ein Orkan.
Wir machten abends einen Rundgang durch den Garten und um das Haus und sicherten einige Dinge. Als norddeutsche Segler kennt man so einige Stürme. Windstärke 9 kann man schon einmal im Hafen erleben. Auch an Orkane können wir uns noch dunkel erinnern.
Was uns aber am 28.01. um 04:45 Uhr erwischte, werden wir so schnell nicht vergessen.
Der Wind nahm schnell zu. Wir wurden schnell wach, der Wind nahm weiter schnell zu. Zack – war der Strom weg und wir saßen im Dunkeln. Wir zogen uns schnell an und sammelten schnell alle wichtigsten Dokumente zusammen. Alles ging wirklich ganz schnell!
Die Lautstärke war ohrenbetäubend. Wie lange halten die Nebeneingangstür und die Fenster diesem Druck stand? Haben wir noch eine Solaranlage auf dem Dach? – Quatsch…haben wir überhaupt noch ein Dach? Was ist mit unserem großen Anhänger und mit dem Auto? Steht die neue Sauna noch? Zum ersten Mal hatten wir Angst um unser Leben und alles Hab und Gut!
Hatti´s erste Reaktion: “Ich muss raus, um irgendwas zu retten!“ – während bei unserem Nachbarn schon die ersten großen Eichen umfielen und Blechdächer anderer Nachbarn an uns vorbeiflogen.
Steffi, mit Tränen in den Augen, schrie: „Auf gar keinen Fall gehst Du DA raus!“
Jedem ist wohl klar, wer hier recht hatte!
Also saßen wir im Dunkeln, nur bei Kerzenlicht, konnten absolut nichts mehr tun, außer zu warten, wann wir wohl mit dem gesamten Haus auf Reisen gehen würden, um allem anderen was schon weg war, zu folgen.
Es waren seeeehr lange 90 Minuten bis zu den ersten Anzeichen, dass der Wind nachließ. Als es langsam hell wurde, trauten wir uns anfangs nicht raus, ob der Schäden, die nun sichtbar werden würden. Nach dem Motto: „Was ich nicht sehe, ist auch nicht“.
Der erste Anblick war verstörend. Die großen Eichen des Nachbarn lagen auf dem Boden, überall dicke Äste und Gegenstände von Nachbargrundstücken. Auf den Wegen lagen überall Dachziegel und große schwere Betonstrommasten neigten sich beängstigend zur Seite, wenn sie überhaupt noch standen.
Das tatsächliche Ausmaß aber, sahen wir erst viel später.
Wir hatten Glück im Unglück. Unser Haus trug nur geringe Schäden davon.
Weil der Strommast sich neigte, kam so viel Zug auf unsere Zuleitung, dass die Verankerung brach und eine Hausecke herausriss. Die Leitung konnten wir provisorisch sichern, bevor Stromkasten und weitere Leitungen sich verabschiedeten. Beide Vordächer der Nebeneingänge sind nicht mehr. Der Anhänger, in dem wir glücklicherweise noch viele schwere Sachen lagerten, machte nur einen 0,5 Meter Sprung zur Seite. Unser Sonnenschirm wurde aus dem Holzunterstand herausgepult und zerlegt. Schäden so um die 1.000,- Euro.
Nicht mitgerechnet sind Rotwein- und Schokoladeneinkäufe!
Nachdem die Stromleitung gesichert war, hatten wir Zeit für die Nachbarn. Denise und Luis traf es heftig. Ihnen ist der Schornstein ins Dach gestürzt und hat auch die Solaranlage, die wir erst vor Kurzem zusammen aufgebaut hatten, zerstört. An vielen anderen Stelle fehlten die Dachpfannen. Als wir die Löcher in dem Dach notdürftig geflickt hatten, zog Hatti gemeinsam mit Luis zum nächsten Nachbarn. Anschließend ging es auf das Dach einer älteren Dame, die allein in ihrem großen Haus wohnt.
Bei den Arbeiten auf den Dächern war zu sehen, dass 80% der Dächer im Dorf Schäden davon trugen. Mehrere eingestürzte Schornsteine, umgeknickte Strommasten und Bäume ließen die Kraft des Windes erahnen. Die Straßen waren wegen der Bäume zunächst nicht passierbar.
Als wir zwei Tage später zu einer Freundin fuhren, zu der wir telefonisch keinen Kontakt aufnehmen konnten (ihr geht es gut), sahen wir, was 180 km/h Wind großflächig angerichtet hat. Zerstörung pur! Wälder, Dächer, Mauern, ganze Häuser, Straßenschilder…eigentlich die komplette Infrastruktur …weg.
Leiria hat es als größere Stadt besonders hart getroffen. Es gab 9 Tote und nach ein paar Tagen bereits über 200 Verletzte, die bei Aufräumarbeiten von Leitern oder durch marode Dächer gefallen sind und weitere Tote. Bei uns dauerte es sechs Tage, bis wir wieder Strom hatten. Vielerorts ist auch die Wasserversorgung ausgefallen. Vom Internet ganz zu schweigen.
Wie war die Stimmung und wie ging die Bevölkerung damit um?
Bei uns bemerkten wir eine gewisse Lethargie. Nachdem erste Notlösungen gefunden waren, waren wir antriebslos. Das Maß der Zerstörung ließ uns die Menge der anstehenden Arbeiten so groß erscheinen, dass alles irgendwie aussichtslos erschien.
Aber auch hier hatten wir Glück. Durch unsere allgemeinen Lebensumstände waren wir gut gerüstet:
* Wir kochen mit Gas und haben immer eine Ersatzgasflasche bereitstehen
* Wir haben eine kleine mobile Solaranlage mit Batterie und 220 Volt Spannungswandler
* Ein Stromgenerator war vorhanden und konnte Kühl- und Gefrierschrank betreiben und ließ es sogar zu, dass wir in all dem Chaos die Spiele der deutschen Handballnationalmannschaft sehen konnten
* Eine benzinbetriebene Wasserpumpe ist vorhanden.
* Wir heizen nur mit unserem Holzofen und Holzvorrat ist immer gefüllt
* Im Garten stehen zwei Wassertanks mit jeweils 1000Liter Regenwasser. Kaltes Duschen sind wir gewohnt.
* Kohlenstofffilter für die Trinkwasseraufbereitung sind vorhanden
* Internet beziehen wir über eine Prepaid Sim Card. Glasfaserzuleitungen werden noch nicht repariert
* Die meisten unserer Handwerksmaschinen sind akkubetrieben (Makita). Der LED Baustrahler war Gold wert
Subjektiv haben wir das Gefühl, dass die Bevölkerung sehr resilient gegenüber solchen Ereignissen ist. Die Gemeinschaft in den Dörfern und speziell in den Familien ist sehr stark und man hilft sich gegenseitig. Die Kochstellen sind sehr häufig mit Gas betrieben und eine Motorsäge gehört in jeden gut geführten Haushalt. Die Erwartungshaltung, dass Hilfe von außen kommt ist weniger stark ausgeprägt als z.B. in Deutschland.
Und trotzdem…die Ämter machen in den besonders stark betroffenen Gebieten Hausbesuche und fragen, ob alles in Ordnung ist oder ob Hilfe bei Übernachtungsmöglichkeiten oder Lebensmitteln benötigt wird.
Darüber hinaus ist das Netz voll mit Hilfsangeboten und Spenden wie Planen und alten Dachpfannen.
Irgendwie, so haben wir den Eindruck, ist die portugiesische Seele auch latent immer auf „Fado“ getrimmt. Schwermut, Tragik und Schicksalsergebenheit (und kalte und feuchte Häuser
) werden einem mit der Musik in die Wiege gelegt. Klar, die Einzelschicksale sind schlimm, aber die Grundstimmung spiegelt das nicht so richtig wider. Aber da können wir uns auch heftig irren.
Der Sturm Kristin war vorbei – Leonardo kam.
Was Kristin nicht wegfegte, daran versuchte sich dann das nächste Atlantiktief Leonardo!
Leonardo der alte Sausack brachte Regenmengen mit, die innerhalb von 3 Tagen die Regenmengen eines ganzen Jahres vielerorts überschritten. Die Böden waren durch den Regen der vergangenen Wochen ohnehin nicht mehr aufnahmefähig, die Stauseen randvoll gefüllt und die Dächer noch nicht alle repariert und dann das!
Erdrutsche, Überschwemmungen, Evakuierungen, wieder gesperrte Straßen und Stromausfälle. Die Stauseen mussten Wasser ablassen, um den Druck zu reduzieren, was die Lage in den Flussläufen nochmals verschlimmerte. In unserem geliebten Guadiana, dem Grenzfluss zwischen Portugal und Spanien, stieg der Wasserstand um 6,15 Meter. Uferbezirke, in denen Viele autark (mehr oder weniger legal) leben, wurden überflutet und vor Anker liegende Schiffe von Besitzern, die meinten, ihre Schiffe dort sicher überwintern lassen zu können, gingen auf Drift oder strandeten am Ufer. Wieder gab es Menschen, die alles verloren.
„Regen ist so wichtig!“ wurde ein geflügeltes Wort. Man murmelte es ständig vor sich hin, so wie ein seufzendes, bedeutungsloses „ach ja….“. Als Hatti eines morgens diesen Satz wieder aussprach, fragte Steffi: „fängt es schon wieder an?!“. Hatti: „Nein… das war jetzt eher so als generelle Information gemeint“. :-/
(Übrigens: es hagelt gerade – „Hagel ist so wichtig!“)
Wenn man denkt, schlimmer kann es nicht werden, gibt’s immer noch eine Schippe drauf. Die Gebiete, die jetzt besonders stark von den Überschwemmungen betroffen sind, bekamen es mit dem neuen Sturm/Orkantief Marta zu tun. In unserer Gegend erwartete man bis zu 110 Stundenkilometer.
Diesmal sorgten wir vor und beschwerten den Anhänger mit Gehwegplatten und Wasserkübeln. Es kam dann nicht so schlimm, aber bei einer heftigen Böe entschieden wir uns, den Transporter umzuparken, um den Anhänger in seinen Windschatten zu stellen. Alles ging gut – nur den Transporter bekamen wir tags drauf bei dem aufgeweichten Boden nicht mehr weg. Aber auch das Problem war irgendwann gelöst.
Stromgeneratoren waren Mangelware. Manche sind nach Spanien gefahren, um Generatoren zu kaufen. Bei den Dachziegeln macht sich eine fehlende Normung als großes Ärgernis bemerkbar. Sie sind alle unterschiedlich und manche Hersteller haben die Produktion eingestellt. Wie schließe ich ein Dach ohne die passenden Dachziegel, die an dem noch vorhandenen Dach anschließen müssen? Es kommen aber auch so marode Holzunterkonstruktionen zu Tage, auf die keiner mehr raufsteigen mag, um Reparaturarbeiten durchzuführen. Ein neues Dach kann sich kaum einer mal soeben leisten.
Hatti glaubt, dass Stromausfälle und Kerzenlicht in neun Monaten zu einem sprunghaften Anstieg der Geburtenraten führen werden. Ausgenommen sind die Gebiete, in denen es zusätzlich kein Wasser gab. Hier würden sich Körpergerüche als hinderlich beim Fortpflanzungstrieb erweisen. Er meint er wäre da ein Experte!
Steffi :“ Ja, aber bestimmt nicht in Sachen Fortpflanzung!“
Es ist verständlich, dass unsere Grundstimmung eher „geht so“ ist. Wir haben ein wenig unsere Leichtigkeit verloren. Überall sieht man Gefahren und wir haben ständig die Wettervorhersagen im Blick.
Eigentlich wollten wir Anfang März zum Schiff und es uns im Sommer auf dem Wasser gut gehen lassen. Ob das alles noch so aufgeht, wissen wir nicht. Erstmal muss hier alles abgewickelt sein. Passt auf Euch auf!