Ein bisschen Paloma und sehr viel Corona – oder anders: Corona Blues

Wir liegen in der Algarve bei Portimao vor Anker. Das Wetter spielt mit, 23 Grad und man könnte im 17 Grad kalten Wasser noch immer baden. Neben uns liegen viele nette, auch deutsche, Segler, mit denen man etwas unternehmen könnte. Bei dem jetzigen Wind könnte man zum Guadiana (Grenzfluss zwischen Portugal und Spanien) oder noch weiter nach Gibraltar segeln. Mit unserem Auto, welches nur 100 Meter vom Ankerplatz entfernt steht, könnte man Ausflüge ins Hinterland unternehmen.

Für die kälteren Monate Dezember, Januar und Februar wollten wir in die Marina von Lagos gehen, weil wir keine Heizung an Bord haben und auch eine Dusche fehlt. Lagos ist zwar mit 1.650,- EUR für drei Monate verhältnismäßig teuer, aber die Anlagen sind in Schuss, die Stadt ist in unmittelbarer Nähe und es gibt dort in den Wintermonaten, im Normalfall, eine gute Community.

In Deutschland sitzen Freunde und Familie mittlerweile im typisch norddeutschen Schmuddelwetter, gehen im Dunkeln zur Arbeit und kommen auch nach Hause, wenn es schon dunkel ist.

Die hiesigen Bedingungen und Aussichten könnten besser nicht sein, wenn…. ja wenn es Corona nicht geben würde.

In Deutschland hat heute der 4-wöchige Lockdown light begonnen und auch hier in der Algarve, die lange Zeit auf Grün stand, nähern wir uns einem Lockdown.

Zur Situation in Portugal:

  • Der Katastrophenzustand wurde zunächst bis zum 15. November ausgerufen
  • Maskenpflicht in allen Geschäften und in der Öffentlichkeit dort, wo der Abstand von 2 Metern nicht gewahrt werden kann, Verbot von Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, außer in Restaurants und Bars, Versammlungsverbot von mehr als 5 Personen, die nicht zum gemeinsamen Haushalt gehören, sportliche Aktivitäten im Freien mit max. 2 Personen und diverse Regeln zu Öffnungszeiten von Geschäften
  • Für den Zeitraum vom 30.10. – 04 .11.  darf man nicht mehr gemeindeübergreifend reisen. Grund sind zwei katholische Feiertage, an denen üblicherweise reger Reiseverkehr zwischen den Familien herrscht
  • Ab dem 04.11. startet in 70 Prozent des Landes ein Lockdown. Es besteht die „Bürgerpflicht“, zu Hause zu bleiben. Die Algarve ist, bis auf den Bezirk  Sao Bras de Alportel, noch ausgenommen. Der überwiegende Anteil der Bevölkerung befürwortet diese Maßnahmen (Quelle: https://www.algarve-entdecker.com/2020/11/algarve-news-26-oktober-bis-01-november-2020/)

Was heißt das für uns?

Ersichtlich ist, dass ein Lockdown für uns näher rückt und mittlerweile auch schon uns bekannte Segler positiv getestet und auf dem Schiff unter Quarantäne gestellt wurden.

Mit der Gefahr eines Lockdowns kommen dann Fragen auf wie:

  • Kann man im Lockdown noch Ankerbucht oder Hafen wechseln? Dies war im Frühjahr für lange Zeit verboten! Wenn nein, wie bereitet man sich darauf vor, vor Anker möglichst lange Zeit autark zu bleiben? Petroleum zum Kochen und Stromkapazitäten, die wir aus Solar und Wind erzeugen, werden zu Engpassfaktoren.
  • Was passiert bei Südstürmen? Darf man in diesem Fall einen Hafen anlaufen?
  • Macht die Investition in einen Hafenliegeplatz noch Sinn, wenn man die Stadt eh nicht besuchen kann? Wenn nein, wie bekommen wir das Schiff einigermaßen beheizt?
  • Kommen wir, wie geplant, im April ohne Probleme nach Deutschland zurück?
  • Wie schützen wir uns selbst vor einer Infektion oder anderen Situationen, die einen Aufenthalt in einem überlasteten portugiesischen Krankenhaus erforderlich machen?

Alles Fragen, auf die wir noch keine Antwort haben!

Aber… uns geht es, relativ gesehen, ausgesprochen gut! Es gibt Schlimmeres, als vor Anker in Portugal zu liegen. Das Infektionsrisiko ist für uns sehr gering und wir sind gesund und würden sehr wahrscheinlich auch eine Infektion überstehen, wir müssen keine Angst vor Jobverlust haben und finanziell gibt es auch keine Probleme.

Was bleibt, ist die Sorge um Angehörige oder all Diejenigen, die zu Risikogruppen gehören. Auch werden Begegnungen mit anderen Seglern zunehmend schwieriger. Schnackt man im Cockpit, gibt es ein „es wird kalt, lass uns runter in´s Schiff gehen“ nicht mehr. Strandparties wie im letzten Jahr gehören der Vergangenheit an und ungezwungen halten wir uns nur noch mit Personen auf, von denen wir zumindest ahnen, dass sie auch verantwortungsvoll mit der Situation in einem Land umgehen, in denen wir zu Gast sind. Es gilt außerdem, die Zeit rumzubringen, wenn Ausflüge nicht mehr möglich sind und kulturelle Veranstaltungen allgemein runtergefahren werden.

Bis hierhin haben wir versucht, uns möglichst neutral zur Pandemie zu äußern.

Die  Seglerkreise sind ein Abbild der menschlichen Gemengelage. Man trifft auf verschiedenste Meinungen zu dem Thema und es kommt auch zu Diskussionen, die aber wertvoll und konstruktiv sein können, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist.

Für Blutdruckprobleme sorgen bei uns aber laute Meinungsäußerungen, die sich auf einen sehr leisen Wissensstand begründen und die Quelle des sich häufig inhaltlich widersprechendem Wissens ein selbsternannter Youtube Star ist, von dem man vorher noch nie etwas gehört hat. „Mainstream Nachrichten“ oder Zahlen des Statistischen Bundesamtes werden von einigen durchweg angezweifelt oder so verdreht dargestellt, dass aus ihnen die abstrusesten Schlussfolgerungen gezogen werden. Das geforderte Verständnis um Exponentialfunktionen wird außer Acht gelassen.

Es würde den Rahmen sprengen, unsere Meinung mit allen erforderlichen Zahlen und Quellen zu hinterlegen. Deshalb machen wir es uns einfach:

  • Belgiens intensivmedizinische Kapazitäten kommen an ihre Grenzen und es werden Patienten nach Deutschland verlegt
  • Niederlande ebenso
  • In Polen fahren Krankentransporte durch die Gegend, weil die Aufnahmekapazitäten erschöpft sind
  • In nur wenigen Wochen hat sich in Deutschland die Anzahl von Covid Patienten in Intensivbehandlung von 200 auf aktuell 2000 erhöht. Bei noch immer 7000 freien Betten kein Problem (obwohl die Anzahl des qualifizierten Personals eher der Flaschenhals ist), aber in kurzer Zeit hat sich die Zahl mal bummelig verzehnfacht!  Legt den gleichen Faktor nun auf die jetzigen 2000 Patienten! Siehe Exponentialfunktion!
  • Es gibt einen zeitlichen Verzug von der Infektion bis zum Intensivbett von ca. 3-4 Wochen. Die Auslastung von heute korreliert also mit einem Infektionsgeschehen, welches wir vor 3- 4 Wochen hatten. Das, was wir an Bettenauslastung in 3- 4 Wochen haben werden, steht also heute schon fest und ist nicht mehr aufzuhalten! Alle Maßnahmen, die wir ergreifen, müssen zu einem Geschehen in der Zukunft auf ihre Verhältnismäßigkeit überprüft werden

Für uns sind das genug Fakten, um die Situation ernst zu nehmen. Aussagen wie „Es gibt keine Pandemie“, „Die Pandemie war im Juni vorbei“ oder besser noch „ist wie eine Erkältung“ halten wir für absurd.

Nicht falsch verstehen: Die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen kann und soll weiter diskutiert werden können, aber wir mussten leider auch feststellen, dass eine Diskussion manchmal nicht mehr möglich ist. Einige Menschen sind für sachliche Argumente einfach nicht mehr zugänglich.

Hoffen wir das Beste für uns alle – STAY SAFE EVERYONE!

2 Gedanken zu „Ein bisschen Paloma und sehr viel Corona – oder anders: Corona Blues“

  1. Ich hoffe für euch, dass ihr einen guten Weg zum ‘autark’ sein, Einkaufen, Heizen, etc. findet und vielleicht die Möglichkeit habt, ‘Reisen’ zu können, also zumindestens zu zweit ein wenig ‘Sightseeing’ zu machen, sei es mit der Bigfoot oder dem Auto.

    Bzgl. Corona bin ich voll bei euch.

    Bleibt gesund und bloggt munter weiter 🙂

  2. Moin Ihr beiden,

    Marcelo Rebelo de Sousa versucht, mit Rueckendeckung aller Parteien, fuer den Moment einen “sanften” Emergency-State. Die Situation ist noch nicht komplett ausser Kontrolle, aber gestern nachmittag hatte Portugal nur noch 358 Betten fuer Kranke in den Hospitals und es sind nur noch 48 Intensiv-Medizin-Betten uebrig …

    Wie auch immer das weiter gehen mag, beim letzten Lockdown durften wir im Radius von 5 km von unserem Zuhause fuer einen Spaziergang gehen oder irgendeine sportliche Betaetigung solange man es auf eine kurze Zeit beschraenkt (1 Stunde oder so), den Concelho verlassen durften wir nur mit ausserordentlich wichtigem Grund (Arzt-/Tierarztbesuch). Heftig allerdings war, dass niemand einen Hafen anlaufen durfte. Als alles vorsichtig wieder oeffnete, konnten nur die einen Hafen anlaufen die nachweisbar gerade einen Hafen innerhalb Portugiesischer Gewaesser verlassen hatten. Es war eine Menge Papierkrieg involved, eine einfache Rechnung war nicht ausreichend.

    Vielleicht denkt Ihr doch noch mal ueber den Aufenthalt in einer Marina nach, auch was die Heizung anbelangt. Dezember, Januar und Februar koennen biestig kalt sein an der Algarve (manchmal auch schon der November) – vor allem Nachts – und Starkwindperioden sind haeufiger und deutlich heftiger.

    Wie ist denn die Liegeplatz-Situation nach Eurem Wissen im Moment? Ein Freund rief mich vor ein paar Tagen an, voellig entnervt, weil er keinen Platz mehr fuer sein 10m-Schiff finden konnte denn, so seine Aussage, “”alles” hat sich an der Algarve versammelt”.

    ‘Ne andere Option koennte eventuell der Rio Guadiana sein. Bisher war es so, dass man sich an den Stegen in Laranjeras, San Lucar und Alcoutim abwechselte. Damit hatte man wenigstens 1 x im Monat fuer ‘ne Woche Strom fuer die Heizung um sich aufzuwaermen und es kostete nicht viel. Allerdings hatte ich da auch den einen oder anderen Morgen Eis auf dem Deck.

    Wuensch’ Euch was & bleibt gesund! Sunny greetings aus Nazaré, big hugs xxx Dody

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