Gibraltar: Hitze, Neandertaler, Affen und Autopilot

Mit dem Abschluss der Arbeiten waren wir fast fertig und meinten, dass wir uns nun eine Pause verdient hätten. Ein Ausflug nach Gibraltar sollte es werden.

Puh! Auf dem Weg dorthin muss man durch das spanische Andalusien. Hier in der Algarve ist es ja schon warm, wir hatten es im letzten Bericht ganz kurz angeschnitten, aber Andalusien toppt im August alles. Hier ist es eigentlich immer über 40 Grad warm! Ohne eine funktionierende Klimaanlage im Auto ein Unterfangen, welches Grenzerfahrungen zwischen Leben und Tod garantiert. Wir sind zwar schon etwas länger frisch, aber doch noch zu jung, um diese Erfahrung zu machen! Also, Big Willy kommt in die Werkstatt, und zack, ist die Klimaanlage für 80,- EUR repariert (die Rechnung wurde vergessen).

Während der Fahrt konnte man das Auto, der Hitze wegen, kaum verlassen und die Gegend war furztrocken. Wo laut Google Maps Flusslandschaften sein sollten, grasten stattdessen Rinder und Ziegen und versuchten, letzte Grasbüschel zu Milch zu verarbeiten. Wären wir Kuh, wir würden versuchen, im Sinne einer Kreislaufwirtschaft, uns selbst zu melken.
Nach ein paar Stunden Fahrt war Gibraltar erreicht und es war merklich kühler, aber auch feuchter.

Zu Gibraltar:
Gibraltar liegt an der Nordseite der Straße von Gibraltar, an der Europa und Afrika sich am nächsten sind. Das Territorium umfasst eine Landfläche von 6,5 km², wobei die Grenze zwischen Gibraltar und Spanien nur 1,2 Kilometer lang ist.
Natürliche Höhlen im Felsen von Gibraltar gelten als die letzten Rückzugsgebiete der Neandertaler in Europa. Gesicherte Spuren weisen auf eine Besiedelung noch vor etwa 28.000 Jahren hin. Der überwiegende Teil der Bevölkerung ist britisch und es gibt Stimmen, die meinen, dass der Neandertaler damit auf der Halbinsel noch immer nicht ausgestorben ist und mit dem Brexit versucht wird, das Überleben der eigenen Spezies zu sichern.
711 wurde Gibraltar von Arabern und Berbern eingenommen, die lange Zeit das Sagen auf der Halbinsel hatten. Erst mit der spanischen und portugiesischen Reconquista (Rückeroberung muslimischer Gebiete) um 1462 wurde der Felsen wieder dem christlichen Herrschaftsbereich einverleibt.
Militärstrategisch war der Felsen von einiger Bedeutung und immer wieder neue Flotten kämpften um die Vorherrschaft. Obwohl sich Engländer und Holländer nie wirklich grün waren, fand man es doch lohnenswert, in einer gemeinschaftlichen Aktion am 4. August 1704 den Felsen den Spaniern weg zu nehmen. Bemerkenswert ist, dass entgegen der sonst üblichen Praxis, der Angriff nicht im Morgengrauen stattfand, sondern zur Zeit der Siesta am Nachmittag.
Der Felsen sollte nun bis heute in englischer Hand bleiben und während dieser Zeit wurden Militäranlagen gebaut, was das Zeug hielt. Der Felsen ist von so vielen Höhlen und Gängen durchlöchert, dass man sich schon um die Standhaftigkeit Sorgen machen muss.
Seit langem kommt es zu Spannungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Spanien, weil Spanien die Hoheit über Gibraltar wiedererlangen möchte. Die Grenze nach Spanien war von 1969 bis 1985 geschlossen. Bei einem Referendum am 7. November 2002 (Wahlbeteiligung: fast 90 %) stimmten 99 % der Abstimmenden für einen Verbleib unter britischer Herrschaft. Nur 187 Bewohner waren für eine geteilte Souveränität.
Witzig ist, dass man nach dem Grenzübergang das Rollfeld des Flughafens überqueren muss, um auf die Halbinsel zu kommen.
Wie es nach dem Brexit mit Gibraltar weitergehen wird, ist unklar. Insbesondere die spanische Bevölkerung, die jeden Morgen zu Tausenden auf dem Weg zur Arbeit die Start- und Landebahn überquert, trägt die Sorge um ihre Jobs.
….
Ok, wir sind also am frühen Abend angekommen. Es bietet sich an, nicht mit dem Auto nach Gibraltar rein zu fahren, sondern auf der spanischen Seite zu parken und zu Fuß die Grenze zu überqueren.

Mit Hilfe unserer App suchten wir uns einen Übernachtungsplatz direkt am Strand, der regelmäßig von der Guardia Cilvil überprüft werden sollte. Die ganze Gegend machte auch einen nicht ganz so koscheren Eindruck. Warum, kann man gar nicht sagen. Ein rein subjektives Empfinden!
Wir stellten uns mit unserem Wagen ganz dicht an einen dort abgestellten Container, so dass wir die Schiebetür zur Lüftung auflassen konnten, aber keiner in den Wagen steigen konnte und gingen mit einem etwas unbehaglichen Gefühl in´s Bett. Nach einer Stunde Schlaf ging es los: Ein Wagen hielt direkt vor Big Willy. Man hörte Stimmen, der Wagen parkte um und es stieg jemand aus. Hatti warf mit Bluthochdruck einen Blick nach draußen und …flash… wurde er von starken Taschenlampen geblendet. Ein ängstliches „Olà“ kam gerade noch über seine Lippen und der der Wagen verschwand wieder. Nach einer Stunde wiederholte sich das Spiel.
Wir denken, dass es die Guardia Civil war, die nach dem Rechten schaute. Aber, weiß man es? Und wenn es ein Platz war, der das stündliche Anfahren der Polizei erforderlich macht, was passiert hier dann in den 55 Minuten, wo sie nicht da ist?

Wir hatten die Faxen dicke und fuhren in das Stadtzentrum, um dort noch ein paar Stunden zu schlafen. Diesmal auf einem Parkplatz an der Hauptstraße.

Sehr früh klingelte der Wecker, weil wir noch vor der Mittagshitze den Berg auf Gibraltar erklimmen wollten. Völlig unausgeschlafen schwankten wir im Morgengrauen zu Fuß über die Grenze. Mit uns waren tausende Spanier auf dem Weg zur Arbeit. Was für ein Lärm und Gewusel. Die Sehnsucht nach einem ruhigen Plätzchen weit oben auf dem Felsen stieg!
Wir sind ja momentan (noch) nicht die Fittesten, weshalb uns der Aufstieg auf den Felsen, der sich senkrecht von Meereshöhe auf 411,5 m erhebt, nicht wirklich leicht fiel.

Der Schweiß lief in Strömen und Hatti zog mehrfach das T-Shirt aus, um es auszuwringen. Oben angekommen, machte er bei einer Pause einen recht verwirrten Eindruck und beantwortete Steffi´s Frage, ob alles ok sei, mit: „Keine Ahnung, ich laufe seit dem ersten Mal T-Shirt Auswringen auf Autopilot ohne zu denken! Ich freue mich darauf, heute Abend mir ganz entspannt die Fotos von all dem hier anschauen zu können“ Ungesagt: „und jetzt lass mich in Ruhe!“ 🙂

Nee, ehrlich, der Blick nach Afrika rüber ist jede Strapaze wert. Hauptattraktion beim Aufstieg sind die Affen. Diese Affen sind die letzten freilebenden Affen in Europa. Nee Leute! Ich meine nicht die Engländer! Es sind original Berberaffen, die schon eine ganz stattliche Größe erreichen können. In den Berichten liest man viel von deren Aufdringlichkeit, bis hin zu Taschendiebstählen. Das konnten wir überhaupt nicht feststellen. Man wurde komplett ignoriert, was wohl auch damit zu tun hat, dass man, wenn man beim Füttern der Affen erwischt wird, um bis zu 4.500,- Pfund erleichtert wird. Unser Körpergeruch und Hatti´s unbeabsichtigtes Keuchen und Schnaufen, was dem eines Silberrückens sehr nahe kam, zeigten aber auch Wirkung und wir wurden als einer der Ihrigen erkannt.

Lediglich einmal versperrte uns ein Affenpaar mit Jungtier den Weg auf einer nur 50 cm breiten alten Festungsmauer. Hier trauten wir uns nicht vorbei! Was tun? Nach kurzer Zeit kam glücklicherweise ein junger Engländer mit Kleinkind auf dem Rückensitz, der den Aufstieg mehrmals die Woche als Fitnesstraining betreibt. Er nahm uns bei der Hand und erklärte „just go ahead, don´t worry! Just be careful with the babies, because they want to play. And never, really never touch them!” Tatsächlich nahmen sie keine Notiz von uns. Ein paar Meter weiter wollte jedoch ein Baby Affe zu seinem Kind auf den Rückensitz springen. Ein kurzes Fauchen vom Engländer brachte das Spiel aber zu einem Ende. Von nun an begegneten wir allen Affen mit Gelassenheit.

Der Abstieg war nicht minder interessant. Es ging an alten Festungsanlagen vorbei und über Hängebrücken. Dadurch, dass wir sehr früh starteten, waren wir anfangs fast alleine auf dem Berg. Erst jetzt begegnete man Tourigruppen, die mit Bussen hochgekarrt wurden und jeden Affen für Fotomotive belagerten. Pah, ihr Schlaffis! Nur wo man zu Fuß war, war man wirklich!!!

Das Stadtzentrum von Gibraltar war typisch englisch. Schon interessant, wenn man aus einem spanischen Ort kommt und in ein Stadtbild eintaucht, das man eher mit Nieselregen und Nebel assoziiert.
Mit 30.000 Schritten und einigen Höhenmetern war das echt ein anstrengender Tag und wir gönnten uns einen 12,- EUR teuren, aber sicheren Übernachtungsplatz im Yachthafen, um die 2. Nacht mal so richtig auszuschlafen.

Am nächsten Morgen gab’s noch einen kleinen Rundgang durch die Altstadt von La Línea de la Concepción und dann auf die Piste zurück zum Schiff.

Ein Gedanke zu „Gibraltar: Hitze, Neandertaler, Affen und Autopilot“

  1. Moinsen,

    Gibraltar hätte ich persönlich jetzt nicht unbedingt besucht, für mich zu viel ‘Politik’ im Spiel.

    Marokko, Flüchtlinge, Brexit, etc…

    Aber egal, schön, dass es euch gut geht und alles Gute für die nächsten Etappen 🙂

    LG Berti

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